Freitag, 6. Juli 2012

Der vernünftige Patient

Deutsche Ärzte neigen dazu, vernünftige Patienten zu wollen. Patienten also, deren erster Ansprechpartner der Hausarzt ist, die immer das tun, was ihnen der Arzt rät, sie wollen Patienten, die Vorsorge treiben, sich gesund ernähren usw. Vor allem Patienten mit chronischen Erkankungen sollten ihre Erkrankung ernst nehmen und sich auch in anderen Dingen des Lebens entsprechend verhalten. Natürlich kann man als Patient dann auch einen vernünftigen Arzt erwarten.
Bei mir ist das mit der Vernunft immer so eine Sache. Die zweiwöchige Rucksacktour vor 8 Jahren stieß auf Seiten der Ärztin auf ziemliches Unverständnis und der entsetzten Frage "haben sie schon gebucht?" - "Ja, ich fliege in vier Tagen." Inzwischen weiß sie, dass Widerspruch zwecklos ist und lässt mich gewähren. Beim Segeln werde ich nur daran erinnert, dass nicht ich diejenige bin, die den Mast hält, sondern dass er im Boot festgemacht wird.
Als begeisterte Radfahrerin fahre ich natürlich die 16 km zur Ärztin in der Regel mit dem Rad, und regelmässig kommt die Frage - bewundernd - "sind sie wieder mit dem Rad da?" Gestern war es recht warm und schwül, als ich gegen 16 Uhr bei der Ärztin auftauchte - mit dem Auto wegen des angesagten Gewitters. Mir wurde auch prompt die besorgte Frage gestellt "sie sind heute aber nicht mit dem Rad da?" "Nein", antwortete ich "bei der Hitze treibe ich vor 18 Uhr normalerweise keinen Sport. Wissen Sie, im Alter werde auch ich vernünftig." Daraufhin die Ärztin: "Ja, diese Anwandlungen habe ich bei mir auch schon bemerkt."

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