Montag, 12. Oktober 2009

Über das Jammern

Ich jammere zu wenig. Das wurde mir in den letzten zwei Tagen wieder mal deutlich.

Kollegin R zum Beispiel. Ihre Mutter verstarb vor etwa 1 1/2 Jahren. Schlimm, zugegeben, aber ich erlitt vor drei Jahren denselben Schicksalschlag. Papas Freundin (oder soll ich sagen 'Bekannte') hat mit Kollegin R großes Mitleid. Sie ist schlimm dran, das arme Mädchen. Sie muß sich, zusammen mit ihrem Bruder, der im selben Haus wohnt, um ihren Vater kümmern, der vor etwa 15 Jahren einen Schlaganfall erlitt und seitdem in manchen Situtationen auf Hilfe angewiesen ist. Zugegeben, mein Vater erlitt glücklicherweise noch keinen Schlaganfall, aber auch um ihn mußte ich mich kümmern, größtenteils alleine. Und hatte doch selber mit mir genug zu tun. Um genau zu sein: Dosiserhöhung sämtlicher Medikamente um 100%!

Oder unsere Putzfrau. (61 Jahre alt, 2 Schachteln Zigaretten pro Tag, Psychopharmaka und Alkohol). Drei Monate, nachdem meine Mutter verstorben war ("Sind sie froh, dass sie noch so jung sind und beide Eltern haben") jammerte sie mir vor, dass ihre Mutter übermorgen den fünften Todestag hat und 2 Wochen vor ihrem 80sten Geburtstag verstorben sei und sie gerne sie doch 80 geworden wäre und war für eine gute Frau sie doch war.

Im Frühjahr war ich wegen des Herrn Crohn ein paar Tage krank. Putzfrau: "Hatten sie Urlaub, ich habe sie eine Weile nicht gesehen!?" - Nein, ich war krank. "Ich bin auch krank und gehe trotzdem arbeiten - chronisch krank". - Ich auch! Daraufhin hat sie eine Weile nicht mit mir geredet. Leider hielt diese Phase nur ein paar Wochen.

Diese Putzfrau war jetzt drei Wochen krank, sie war wegen Herzflimmern im KH. Zugegeben, keine schöne Sache. Jetzt ist sie wieder einsatzfähig ("es geht mir gar nicht gut, aber der Arzt schreibt mich nicht weiter krank"). Und jetzt weiß ich folgendes: Sie hatte heute um 15.45 Uhr einen Neurologentermin, morgen ist sie um 15.30 beim Hausarzt, und zwar wegen der Marcumareinstellung. "Wissen sie, ich muß jetzt Marcumar nehmen, das ist zur Blutverdünnung. Ich darf ja wegen meinem Herz kein zu dickes Blut haben. Am Freitag war der Quick-Wert noch bei 3,4 und er muß irgendwo zwischen 2 und 3 liegen und jetzt muß ich ständig zum Arzt. Wissen sie, was der Quick-Wert ist?" "Aber sie sind ja noch so jung und gesund, und ich weiß nicht, ob ich in 5 Jahren nicht schon unter der Erde liege." - Und ich weiß nicht, ob ich überhaupt 60 werde!

Kollegin S und Kollegin I. Die eine, vor einem 3/4 Jahr am Auge operiert, hat mit Kontaktlinsen Probleme, und im Übrigen nervt ihre Oma und die Hausverwaltung. Die andere hat Stress mit den vielen Fußball- und Basketballspielen ihrer Kinder. Außerdem fängt der Elternabend schon um 7 an und sie muß Kind 1 zum Turnen fahren, Kind 2 zum Basketball und Kind 3 zum Musikunterricht. Dann muß sie Kind 1 abholen, geht kurz einkaufen, fährt dann Kind 1 weiter zum Kindergeburtstag, holt daraufhin Kind 2 ab und fährt es zu Kind 3, weil beide zur gleichen Zeit Fußballtraining haben. Muß man mit 11 noch ständig gefahren werden?

Bekannte V verweigert sich der Schulmedizin, die ja überhaupt nicht hilft. Klar, kann sie auch nicht, wenn die Medikamente zuhause im Schrank stehen, aber man dem Arzt glaubhaft versichert, dass sie sie entweder nicht vertragen, oder das Zeugs nicht gewirkt hat. Das tut übrigens die Homöopathie auch nicht, aber das ist ein anderes Thema. Aber momentan ist sie auf den Homöopathen sauer, weil dieser von Impfungen abrät. Ah-ja! Aber was Bekannte V noch nicht weiß: sie fällt übermorgen durch die HP-Prüfung durch. Ich bin mal gespannt, ob ich recht habe.

So, genug gejammert. Ich weiß, dass es mir nie so schlecht gehen wird wie den andern. Deshalb nehme ich jetzt vor dem Zubettgehen noch ein Diclofenac. Sonst müsste ich ja morgen jammern, dass mir die Finger weh tun. Zusammengerechnet ist das die siebte Tablette heute, plus eine Spritze. Aber wie gesagt, worüber sollte ich jammern?

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